Die Systemfrage stellen!

Im August 2018 begann die schwedische Schülerin Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik fürs Klima: Erst streikte sie drei Wochen am Stück und dann jeden Freitag. Als sie Ende November bei der Weltklimakonferenz eine Rede hielt, wurde das Video davon in Sozialen Medien sehr schnell verbreitet. Mehrere Millionen junge Menschen haben es gesehen. Viele Menschen schlossen sich ihrer Initiative an. Am 15.03.2019 streikten schließlich 1,5 Millionen Menschen in 125 Ländern und in über 2.000 Städten. Unterstützt wurde FridaysForFuture1 unter anderen von den ParentsForFuture2 und von 23.000 ScientistsForFuture3.

Aber wofür stehen all diese Leute? Über die Inhalte werden viele Debatten geführt…

Wir sind Antikapitalist*innen aus ganz Deutschland und haben uns zusammengeschlossen, um einen Beitrag zu diesen Debatten zu leisten. Wir sind in verschiedenen Ortsgruppen innerhalb von FFF aktiv. Kurze Gespräche, Flyer, Vorträge und Diskussionen reichen uns aber nicht aus. Um mehr Gehör für antikapitalistische Positionen zu finden, haben wir eine Website und ein Grundsatzpapier erarbeitet, das wir den Ortgruppen als Diskussionsbeitrag vorlegen.

Konsumkritik und Appelle an Konferenzen reichen nicht

Je mehr Autos fahren und je mehr Plastik verbraucht wird, desto mehr schadet dies der Umwelt. Dementsprechend ist es umweltschonend, das Autofahren und den Plastikverbrauch zu reduzieren. Aber wenn alle auf Autos, Plastik und Ähnliches verzichten, haben wir dann der Umweltzerstörung ein Ende gesetzt?

Greta Thunberg hält bei großen Konferenzen Reden. Sie verurteilt das Handeln der Herrschenden und sagt, dass man ihnen nicht trauen kann: ,,Wir betteln nicht bei Entscheidungsträgern um ihre Anteilnahme. Sie haben uns in der Vergangenheit ignoriert, und sie werden es weiterhin tun. Aber die Dinge werden sich ändern, ob es ihnen gefällt oder nicht.“4 Sie ruft zu Streiks und zum Brechen von Regeln auf: ,,Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten. Die Regeln müssen sich ändern, alles muss sich ändern, und zwar heute.“5 So nutzt sie Konferenzen als Bühne, um Millionen Zuhörer*innen zum Nachdenken anzuregen und zu motivieren aktiv zu werden.

Der deutsche Staat versucht die FFF Proteste in systemkonformen Bahnen zu halten und versucht dafür, das Vertrauen der Schüler*innen auf verschiedene Art und Weise zu gewinnen. Teile von FFF sehen führende Politiker*innen als Kooperationspartner*innen und gehen davon aus, dass man mit ihnen zusammenarbeiten muss, um den Klimawandel aufzuhalten. Sind es denn nicht führende Politiker*innen, die mit Konzernchef*innen einfach so Wälder roden lassen, Kriege führen und so die Umwelt zerstören?

Wir meinen, dass es für die Beantwortung der beiden Fragen wichtig ist, erstmal das Wesen des Kapitalismus zu analysieren und zu diskutieren. Wir müssen erstmal begreifen, in was für einem System wir leben und was die Ursachen der Probleme sind, bevor wir Lösungen erarbeiten können.

Das Wesen des Kapitalismus

Der Mensch greift spätestens seit der ersten Atombombe nachweislich in alle Bereiche der Natur und jeden Stoffkreislauf auf dem Erdball ein. Der Umfang von Produktion und Verbrauch sind erheblich gestiegen und haben sich vervielfältigt – und mit ihnen die gesellschaftlichen Abfälle. Es entsteht ein unheilbarer Riss im Stoffwechsel des Menschen mit seiner Umwelt. Dieser Riss ist nicht bloß das Ergebnis schlechter Klima- und Energiepolitik, denn er zieht sich durch den gesamten Stoffwechsel, durch die gesamte Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens – und muss aus dieser Produktion und Reproduktion heraus erklärt werden.

Um nicht in der Konkurrenz unterzugehen, müssen Konzerne ihre Profite oben halten. Das können sie u.a. indem sie ihre Technologie entwickeln und effektiver produzieren. Dadurch können sie weniger Geld für Löhne ausgeben und mehr Geld als Profit behalten. Da aber dann weniger Arbeit in jedem Produkt enthalten ist, verlieren die Produkte an Wert. Als Folge fällt die Profitrate. Um die Profite oben zu halten, müssen die Konzerne deswegen mehr produzieren, sich ständig ausweiten. Dieses „ewige Wachstum“ bedeutet aber zwangsläufig einen tiefen Eingriff in die Stoffkreisläufe der Natur.

„Einige Leute, einige Unternehmen, vor allem einige Entscheidungsträger haben genau gewusst, welchen unbezahlbaren Wert sie opfern, um weiterhin unvorstellbare Mengen Geld zu verdienen. Und ich glaube, viele von Ihnen, die heute hier sind, gehören zu dieser Gruppe Menschen.“6 sagte Greta bei einer Konferenz in Davos. Unternehmer*innen opfern die Umwelt, um unvorstellbare Mengen an Geld zu verdienen. Um ihre Profite in der Landwirtschaft zu steigern, nutzt BayerMonsanto giftige Pestizide. Um ihre Profite in der Automobilindustrie zu steigern, betrügt VW bei seinen Abgaswerten. Um seine Profite in der Kohleförderung zu steigern, will RWE den Hambacher Forst roden lassen. Dies sind bloß drei Beispiele, die Liste lässt sich weiter ausführen.

Im Kampf um hohe Profitraten suchen sich Konzerne Länder, in denen Arbeitskraft und Umwelt reibungsloser ausgebeutet werden können. Dabei kommt es zu Kriegen für Rohstoffe7. Diese Kriege sind genau wie der Eingriff in die Stoffkreisläufe der Natur eine Fluchtursache. Daher sind viele Geflüchtete besonders von der Umweltzerstörung betroffen. Eine weitere Folge der kapitalistischen Produktionsweise ist das massenhafte Aussterben von Tier- und Pflanzenarten sowie die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen.

Die Umweltzerstörung der Konzerne durch Appelle an die „Politik“ zu verhindern ist allein schon deswegen realitätsfern, weil die Chefetagen von Wirtschaft und Politik im Kapitalismus miteinander verflochten sind. Beispielsweise bei RWE: In dessen Aufsichtsrat8 sitzen u.a. Dr. Werner Brandt (Vorsitzender des Aufsichtsrats der ProSiebenSat.1 Media SE), Frank Bsirske (Vorsitzender der ver.di), Dagmar Mühlenfeld (Oberbürgermeisterin a.D. der Stadt Mülheim a.d. Ruhr), Peter Ottmann (Landrat a.D. Kreis Viersen), Günther Schartz (Landrat des Landkreises Trier-Saarburg), Dr. Wolfgang Schüssel (Bundeskanzler a.D. der Republik Österreich), Ullrich Sierau (Oberbürgermeister der Stadt Dortmund) und Ralf Sikorski (Mitglied im geschäftsführenden Hauptvorstand der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie).

In den zentralen Gremien bei VW und BayerMonsanto sieht es ähnlich aus9. VW investierte allein im Jahr 2017 2,66 Millionen Euro10 in Lobbytätigkeit (z.B. zur Bestechung der führenden Parteien). Monsanto lässt Studien beeinflussen, um sein Image zu aufzubessern11. Letztes Jahr ließ die NRW Umweltministerin die ‚Stabsstelle Umweltkriminalität‘ auflösen und hat in diesem Zusammenhang mehrmals nachweislich gelogen. Die Auflösung nützt großen Konzernen und der Ministerin selbst, da die Stabsstelle gegen sie ermittelte12. Diese Liste lässt sich für jedes große Unternehmen und führende Politiker*innen weiter fortführen.

Eine andere Welt ist nötig und möglich!

Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, die aus zwei Hauptklassen besteht: Auf der einen Seite bilden führende Politiker*innen und Wirtschaftsbosse die herrschende Klasse. In der ,,Politik” werden Gesetze verabschiedet, die den Konzernen dienen. Umweltstandards müssen entweder durch Protest erkämpft werden oder sie sind reine Täuschung. Konzernchef*innen pressen aus den Arbeiter*innen einen Mehrwert heraus und bereichern sich daran. Sie haben ein Interesse an der Maximierung ihres Profites und am Fortbestehen des Systems.

Sie sind eng mit Medienkonzernen13 verflochten und verfügen über zahlreiche Mittel, um ihre Interessen, ihre Lügen und ihre Propaganda zu verbreiten. Dies führt dazu, dass viele denken, der Kapitalismus sei alternativlos. Auch in der Schule wird uns nicht beigebracht Sachen zu hinterfragen. Wir werden so erzogen, dass wir das System befürworten.

Auf der anderen Seite gibt es die Klasse der Lohnabhängigen, die kein Interesse an der Profitmaximierung ihrer Bosse hat. Ihre Interessen sind denen der Herrschenden entgegengestellt: Die Arbeiter*innenklasse hat ein objektives Interesse am Umweltschutz und an fairen Arbeitsbedingungen. Beides steht dem Profitstreben der Konzerne im Wege. Sobald sich die Arbeiter*innenklasse in ihrer Vielfalt vereinigt – über Grenzen und Unterschiede hinweg – wird ihr Kampf für eine neue Welt erfolgreich sein.

Die Herrschenden versuchen mit allen Mitteln jeden Widerstand mit Repression und Einschüchterungen zu kriminalisieren. Wir kennen die Risiken und nehmen sie in Kauf. Wir stehen solidarisch mit allen Aktivist*innen, die vom Staat verhaftet, eingeschüchtert oder angegriffen werden – ob innerhalb oder außerhalb der Umweltbewegung. Wir sind keine ,,Extremist*innen”, denn unsere Proteste sind legitim und notwendig.

Um die Diktatur der großen Konzerne zu beenden, darf das Eigentum an Produktionsmitteln (z.B. Fabriken) nicht weiter in den Händen einiger weniger Konzernbosse sein. Wir möchten eine demokratische Mitbestimmung auf allen Ebenen der Gesellschaft. Dafür muss die Arbeiter*innenklasse das Eigentum an den Produktionsmitteln erkämpfen und erlangen, denn die Macht in Wirtschaft und Politik geht nur damit einher. Das ist der einzige Weg den Kapitalismus zu überwinden. In der neuen Produktionsweise müssen die Bedürfnisse sowohl des Menschen als auch seiner Umwelt im Mittelpunkt stehen. Uns ist bewusst, dass wir nicht von heute auf morgen ein neues System errichten können. Doch das Debattieren über ein neues System, wie dies aussieht und über den Weg dorthin, muss jetzt stattfinden.

Wir befürworten und streiken auch für Reformen innerhalb des Kapitalismus. Doch aus unserer Sicht kann man den Umweltschutz nicht alleine behandeln, sondern nur im Kontext mit dem herrschenden System. Umweltschutz muss mit Antikapitalismus, Friedensaktivismus, Flüchtlingssolidarität und Arbeiter*innenstreiks einher gehen. Wir rufen dazu auf, die Kämpfe zu verbinden und den internationalen Kampftag der Arbeiter*innenklasse, den 1. Mai, dazu zu nutzen, um vereint auf die Straßen zu gehen.

Hinter der Plattform stehen derzeit Aktivist*innen aus:

  • Augsburg
  • Berlin
  • Bielefeld
  • Bitburg
  • Bonn
  • Braunschweig
  • Darmstadt
  • Dortmund
  • Dresden
  • Frankfurt am Main
  • Freiburg
  • Fulda
  • Gelsenkirchen
  • Göttingen
  • Hamburg
  • Heidelberg
  • Heilbronn
  • Herford
  • Kassel
  • Koblenz
  • Köln
  • Offenbach
  • Offenburg
  • Osnabrück
  • Landshut
  • Leipzig
  • Ludwigsburg
  • Magdeburg
  • Mainz
  • München
  • Münster
  • Neustadt Aisch
  • Nienburg/Weser
  • Northeim
  • Nürnberg
  • Regensburg
  • Rhein-Sieg-Kreis
  • Stuttgart
  • Tübingen
  • Wuppertal

1 FFF international, FFF bundesweit

2 ParentsForFuture

3 ScientistsForFuture

4 Greta Thunberg Zitat

5 Greta Thunberg Zitat

6 Greta Thunberg Zitat

7 Mehr zum Thema Ressourcenkriege

8 Der Aufsichtsrat von RWE

9 Abgeordnetenwatch, Lobbypedia und Lobbycontrol

10 VW bei Lobbypedia

11 Monsanto beeinflusst Studien

12 Umweltministerin lässt Stabsstelle schließen und lügt

13 Auch Medien sind Konzerne, die Interessen vertreten